Amazoff?

Amazon ging als Buchhändler an den Markt, aber inzwischen kann man dort angefangen von 120g Tomaten aus Holland über rechtskonservative Propaganda bekannter Verlage aus der Szene bishin zum raren Sammlerstück beliebter Schellackplatten alles kaufen – beinah jeder kommt auf seinen Geschmack.

Trotzdem stellt Amazon neben dem Zwischenhändlerdasein und als Suchmaschine ein drittes Standbein auf, das zum Anbieter einer Server- und Netzwerkinfrastruktur nämlich. Die „Cloud“ ist in der IT mittlerweile stehender Begriff für die Vermietung von Rechnerleistung und Datenübertragung in einer Blackbox. Amazon Web Services liefert frei skalierbaren Serverplatz und kassiert pro übertragenem wie hinterlegtem Gigabyte. So viel zu den Gemeinsamkeiten mit den bisher auf dem Markt aggierenden Mitstreitern.

Bis vergangene Woche zählte man WikiLeaks zu seinen Kunden, und zur selben Zeit verfasste der dem US-Heimatschutzausschuss vorsitzende US-Senator Briefe an alle möglichen Vertragspartner von Wikileaks. Rein zufällig entschied sich Amazon darauf folgend, aber nach eigenen Angaben nicht daraus resultierend, das WikiLeaks vertragsbrüchig sei und kündigte deshalb einseitig.

Da der Dienst wie eine Blackbox funktioniert, muss man sich um Administratives nicht kümmern. Doch wie die Causa WikiLeaks zeigt, kann aus einer black box auch schnell ein black hole werden, ein schwarzes, alles verschlingendes Loch. Selbst wenn, wie Amazon selbst behauptet, nicht politischer Druck dazu geführt haben sollte, das WikiLeaks der Dienst quittiert wurde, dann stellt sich allen Interessenten an der Cloud die Frage: Wie frei sind Dienstanbieter in ihren Entscheidungen, Kunden ihre Dienste zuverlässig anzbieten, wenn politisch unliebsame Dienste und Personen als Vertragspartner nicht mehr geduldet werden, nur weil ihr Name in den Schmutz gezogen wird. Diese Frage stellt man sich auch andernorts. Die Suche nach dem Paragraphen, den WikiLeaks verletzt haben soll, läuft noch, trotzdem hat allein die Diskussion und Vorverurteilung schon Existenz bedrohnende Konsequenzen.

Nicht allein drohendes Ungemach durch willkürliche Kündigung sind von Übel, sondern auch die Suche nach möglichen Vertragspartnern für rechtlich grenzwertige Angebote wird schwieriger. Demnächst dürften die AGB der meisten Hoster Ergänzungen erfahren, um zu verhindern das Traffic-hungrige WikiLeaks-Mirror ihre Dienste nutzen. Damit wird versucht werden die Diskussion von vom Grundgesetz geschützten Rechtsgut der Meinungsfreiheit zum unternehmerischen Risiko verlagert werden. Die Hoster dann daran zu erinnnern, was Netzneutralität bedeutet, dürfte umso schwieriger werden, je mehr Gängelungen sie beispielsweise durch den JMStV, ACTA und Co. erdulden müssen.

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