arte-Dokumentation „WikiLeaks: Geheimnisse und Lügen“

In der arte Dokumentation „WikiLeaks: Geheimnisse und Lügen“ bewies der ansonsten politisch neutrale Sender wenig Fingerspitzengefühl bei der Auswahl neutraler Quellen. Es wurden wichtige Passagen aus dem Interview mit Julian Assange gestrichen, während seine ehemaligen, nun verprellten Partner in aller Ausführlichkeit Halbwahrheiten zum Besten geben. Jeder möge sich ein eigenes Bild von der Qualität dieser arte-Dokumentation machen:

http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=Tk0X-2cFLHc

In Nordafrika und dem Nahen Osten ist „regime change“ im Gange, auch weil den dortigen Despoten der wichtigste Verbündete wegen WikiLeaks verloren geht. Dem wird die Dokumentation noch gerecht. Gegen den Mitarbeiter des dt. Aussenminister wurde wegen Landesverrat und Spionage ermittelt, ohne das es zu einem Verfahren kam. Der darf sich zwar noch zu Wort melden, aber unter höchst konspirativer „Begleitmusik“. The New York Times, möglicherweise auch The Guardian und Der Spiegel folgten dem staatlichen Angebot eines Geschäfts auf Gegenseitigkeit, folgten dem Apell an den Patriotismus, knickten bei der ersten Drohung mit Sanktionen ein und dürfen sich als moralischer Autorität aufspielen. Der Spiegel inszeniert sich als seriöser Medienpartner, während völlig davon entkoppelt über eine Vorveröffentlichung durch einen an einem Bahnhof erstandenen Der Spiegel zitierenden Twitter-Account Freelancer09 berichtet wird. Worüber reden sie, wenn sie über Assange reden? Über Austern, vermeintliche Drohungen und die Schlafgewohnheiten von Assange. Alles in allem eine sehr unausgegorene, unausgewogene Dokumentation.

Interessant finde ich u.a., insb. in Kenntnis der heutigen Veröffentlichungen über Coca Cola, das der Vergleich bemüht wird zwischen Wettbewerbsvorteilen (erwähnt werden eben Coca Cola Rezept, Google Algorithmus) und Staatsgeheimnisse (Diplomaten in Spionagediensten; Hillary Clinton/DNA-Proben), vermutlich um auch einfachsten Gemütern die zu wahrenden Interessen eines Staates leicht verdaulich zu präsentieren.

Interessant fand ich auch das kryptische Schlusswort: »Es gibt die Ansicht, das man niemals zulassen sollte, dafür Kritik zu bekommen möglicherweise in Zukunft an einer Handlung beteiligt zu sein, die unmoralisch sein könnte. Diese Art den eigenen Arsch zu retten, ist wichtiger als das Leben Tausender zu retten. Es soll besser sein tausend Leute sterben zu lassen, als zu riskieren auf dem Weg zu ihrer Rettung möglicherweise jemanden zu opfern? Das ist etwas, das finde ich philosophisch abstoßend.« sagt Julian Assange da. Und im Grund reduziert es sich doch darauf: Ist es legitim hunderttausend unschuldige Tote zu tolerieren, um den Mörder einiger tausend Toter zu verfolgen, dingfest zu machen und der Gerechtigkeit zuzuführen – unter gleichzeitiger Inkaufnahme weiter Teile unserer Bürgerrechte? Geht es nicht zu weit, mit zig tausend Soldaten ein Land zu überfallen, weil es keine Regierung mehr hat, es ein Jahrzehnt umzupflügen auf der Suche nach einem der seit einer Ewigkeit im Nachbarland residiert? Jedes Land hat das Recht zur Selbstverteidigung, bisweilen auch wenn es dazu zum Angriff übergehen muss. Es kann aber nicht dem Völkerrecht dienen, Einzelne anderen Ländern gegenüber einen moralisch höheren Anspruch zu verleihen, allein weil es angegriffen wurde oder würde, und sich zu verteidigen habe.

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