Illuminierte Wahrzeichen und Wegsehenswürdigkeiten

Wenn in Paris, London oder New York Menschen sterben, illuminieren eilig alle Alliierten ihre Sehenswürdigkeiten; explodieren aber in Kabul oder St. Petersburg Bomben, nicht – man hüllt sich stattdessen in die obligatorische, wohlfeile Beileids- und Solidaritätsbekundungen. Illuminierte Wahrzeichen für Alliierte und Wegsehenswürdigkeiten für Kombatanten und Kollateralschäden, so weit ist es schon gekommen mit der moralischen Überlegenheit bei uns im Westen. Wenn Menschen sterben, sterben Menschen, nicht „die Russen“, „die Muslime“ oder die anderen unbekannten Opfer im „Krieg gegen den Terror™“. Das Signal der „westlichen Wertegeschmeinschaft“ (sic!) ist klar: Wir haben kein. Wenn die Menschenrechte, so etwa die auf Unversehrtheit, nicht gleich verteilt sind, dann kann man auf die auch verzichten. Wird ja auch. Die USA bombardieren in über einem dutzend failed states in aller Welt regelmäßig mit „Präzisionswaffen“, die in regelmäßigen Abständen mehr unbeteiligte Zivilisten ausradieren, als bei Terroranschlägen „im Westen“ in Jahrzehnten ums Leben kommen. Und auch das ist ein unlauterer Vergleich, der nämlich zwischen absolutem Bodycount und emotionalen Nutzen per subjektiver Sicherheit. Zeit den Stock aus dem Arsch zu kriegen, den die Konservativen da haben, und Terrorismus als soziale und gesellschaftliche, nicht geo- oder innenpolitische anzugreifen. Ohne die westliche Wertegemeinschaft geht das nicht, aber indem sie wegsieht, wenn andernorts Anschläge passieren, das geht auch nicht.

Nordkorea und Portugal im Finale – westlichen Qualitätsjournalismus, dank südkoreanischem Medienhack

Propagangnam Style: Südkoreanische Medienprofis schnibbeln ein Video zurecht, das den Eindruck vermittelt, Nordkoreas Medien vermittelten das Bild bei der Fussballweltmeisterschaft in das Finale gegen Portugal gekommen zu sein.

Und >deutsche Massenmedien wie BILT und Stern übernehmen die Meldung aufgrund eines häufig geklickten Videos ungeprüft. Wer ist da eigentlich derjenige, der das „Grobes Foul von Kim-Jong Un (…) (der) den Nachrichtenfluss im eigenen Land zu kontrollieren“ begeht? In Nordkorea ganz sicher er, in Europa füllen die selbe Funktion Silvio Berlusconi oder Friede Springer aus. Es ist halt immer eine Frage der Perspektive und wer den Propaganda-Filter geschickt genug bedient. Hut ab, Südkorea, ihr habt die deutschen Qualitätsmedien genarrt.

Andererseits kein großer Verdienst, westlichen Qualitätsjournalismus an der Nase herumzuführen, wenn der von den Verlegern ausgegebene Modus Operandi beinhaltet, Nordkorea in möglichst bizarrem Licht erscheinen zu lassen. Man fragt sich natürlich, wem es nützt, das die Welt denkt, der nordkoreanische Führer sei ein selbstverliebter Irrer, der die Medien manipuliere. Die hungernden Nordkoreaner wissen es schließlich nicht, sodass sie den Aufstand proben und den Norden des Landes die „Freiheit“ bringen würden, indem sie diese unsägliche Mauer beseitigen. Die Mauer in den Köpfen der westlichen Medien ist allein dazu da den Westen bei Laune zu halten, falls sich einmal die Gelegenheit ergibt, auf eine Provokation aus dem kommunistischen Staat reagieren zu müssen. Dann werden all die Berichte wieder zu einer Kollage zusammengefasst, die ein zuverlässiges Mosaik der Unzurechnungsfähigkeit der nord-koreanischen Führung zeigt. Es wird um die Bilder von Marschflugkörpern arrangiert, die Massenvernichtungswaffen in dem Land suchen. Und zehn Jahre später werden die alliierten abziehen und das Land sich selbst überlassen. Dann wäre, swas sich die Koreaner vermutlich am meisten wünschen: Nach fast 70 Jahren das erste Mal wieder ohne Besatzer.

Der Gipfel dieses Mediencoup, neudeutsch Medienhack, dürfte sein, das kein Nordkoreaner überhaupt etwas davon mitbekommen haben dürfte. Nordkorea zeichnet sich nicht nur durch ein Volk aus, das in Armut und Gefangenschaft lebt, sondern auch darüber über ein zu 100% gefiltertes Internet verfügen. An Stelle der „Great Firewall of China“ ist hinter dem Stacheldraht gar kein Empfang.

Unsere Demokratie wird am Hindukusch vorwärts verteidigt

Es braucht mal wieder investigativen Journalismus, unserer Frieden stiftenden Bundeswehr einen Spiegel vorzuhalten. Eine von ihr durchgeführte Offensive hatte 27 tote Zivilisten zur Folge. Man könnte behaupten, das fiele in Anbetracht der Zielsetzung der gesamten Mission unter humanitäre Katastrophe, denn eigentlich wollten wir Afghanistan die Demokratie bringen und unsere eigene dort verteidigen, oder konkret: Brunnen zu bohren und afghanische Mädchen den Schulzugang zu ermöglichen. Stattdessen lagen plötzlich 27 tote Zivilisten im Dreck, und weder die Bundeswehr noch das Verteidigungsministerium als oberster Dienstherr noch die Kanzlerin hielt es für nötig einen Kommentar abzuliefern. Nochmal: kein Kommentar trotz über zwei Dutzend toter Zivilisten, 27 afghanische Männer, Frauen, Kinder.

Was beschäftigte unsere Konservativen während dessen, also im Jahr 2010? Sie beanspruchten zur selben Zeit den Begriff „Gefallene“ für tote Soldaten der Bundeswehr: Sogar die Kanzlerin baute das Thema anlässlich drei toter Soldaten bei einem Friedenseinsatz in ihr Redemanuskript ein. Man könnte meinen, es ginge ihr um die Toten oder Hinterbliebenen. Vermutlich war es aber plumper Patriotismus getränkter Populismus angesichts drei Särge von einer Mission über die 80 Prozent der Deutschen seinerzeit schon sagte das die Bundeswehr in ihrem Namen seit Jahren am Ziel vorbei operierten.

Es ist ein Trauerspiel, das aus Frieden sichernden Blauhelm-Missionen zu Anfang des wiedervereinten Deutschland Krieg spielen für die Bundeswehr Normalität geworden ist. Und mit Trauerspiel meine ich nicht einmal die hohe Zahl der Toten, die beispielsweise ein Bombardement zweier Tanklaster bei Kundus forderte. Oder eben jetzt 27 Tote bei der größten Offensive deutscher Soldaten seit dem zweiten Weltkrieg, bei dem auch »auch Artillerie, Kampfflugzeuge, Schützenpanzer und Kampfhubschrauber eingesetzt« wurden. Für einen Polizeieinsatz, als der der Afghanistan-Krieg lange Zeit verkauft wurde, ziemlich große Kaliber.

Was ich als Trauerspiel verstehe, ist nicht die moralische Verkommenheit, mit der „Gefallene“ überhöht und zivile Opfer totgeschwiegen werden. Es ist auch nicht dar hohe ethische Anspruch, dem Deutschland aus seiner jüngeren Geschichte erwächst, und dessen Verleugnung in Folge akuter Geschichtsvergessenheit ich als Trauerspiel bezeichne. Es ist vielmehr der schlichte Fakt, das 2010 nicht notwendig gewesen wäre mittels einer Offensive Bundeswehrsoldaten in Gefahr zu bringen, in der sie umkommen könnten, dann noch Kollateralschäden zu verursachen, die nur den Terrorismus befördern, den wir dort zu beseitigen versuchen. 2010 war die Debatte um den endgültigen Abzug aller alliierten Soldaten längst von konkreten Planungen begleitet. Es gleicht dem Prinzip „Verbrannter Erde“ in so einer Situation noch im großen Stil Krieg zu spielen, nur noch schlimmer, bedenkt man: Die oben erwähnte und verlinkte Rede von Angela Merkel, in der die Kanzlerin drei tote Soldaten betrauerte, ging der Offensive nur wenige Monate voraus. Es braucht nicht viel analytische Denken um den Zusammenhang zwischen der höchsten Zahl toter Soldaten und der „größten Offensive der Bundeswehr seit dem zweiten Weltkrieg“ herzustellen. Man könnte auch einfach sagen, das die Bundeswehr einen Rachefeldzug vollzog, während die Kanzlerin an der Heimatfront den Ruf und den Rufnamen toter Bundeswehr-Soldaten in „Gefallene“ umdeutelte. Das Trauerspiel ist das die Bundeswehr unter den Augen der veröffentlichten Meinung in eine Offensivarmee verwandelt wird, die Großoffensiven unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchführt, bei denen leider auch Zivilisten sterben und das es Kriegskanzlerin Merkel nicht für nötig hält oder sich nicht traut dieses Faktum einer größeren Öffentlichkeit vorzutragen. Wir haben eine Kanzlerin, die Krieg führt, im Irak gern geführt hätte, und keiner deutet darauf hin; einen „Krieg gegen den Terror“™ der längst zu einem gegen Zivilisten geworden ist. Es widert mich an.