Das primitivste Tier quält

Das sich das primitivste Lebewesen als das intelligenteste Lebensform einstuft, beweist seine Idiotie. Intelligenz bemisst sich zweifellos auf unterschiedlichsten Skalen, von denen die Kennzahl namens IQ seine berühmteste ist. Jegliche Empathie und Einfühlungsvermögen ist bei ihrer Feststellung ausgeschlossen. Der IQ ist ein quasi nacktes und aber auch teils willkürlich ausgewürfeltes Maß, das die Intelligenz auf der Skala vergleichbar machen soll.

Selbst widerlichste Lebewesen wie Hitler oder diese ekelhaft verkommmenen Geschöpfe Stierkämpfer in Spanien könnten bei einem IQ-Test gut abschneiden. Aber Hitler war bekennender Vegetarier. Ganz im Gegensatz zu Stierkämpfern, die im Allgemeinen bekennenden Fleischfresser sind; und Volkshelden, auch eine Gemeinsamkeit mit dem kleinen Österreicher. Beide erhalten in ihrer abgeschlossenen Peergroup viel Zuspruch. Und ihnen wird bisweilen zugejubelt. Aber wie man weiß, entpuppen sich die Jubelperser eben auch als die mindestens ebenso Falschen. Denn Jubel ist kontextabhängig, fällt saisonal unterschiedlich aus und er verklingt sogar manchmal endlich. Hitler Rassenwahn hielt über zehn Jahre, aber der spanische Stierkampf ist auch heute leider noch ein tolerierter Massenwahn. Dagegen regt sich Widerstand, auch in den Grenzen von Spanien. Ober der für ein Verbot reicht, weiß niemand. Das sich Anhänger der Partei des Regierenden an dem Schlachtfest beteiligen dürfte darauf aber direkten Einfluss haben. Seehofer wird man früher oder später auch kaltstellen, selbst wenn ihm derzeit noch eine Menge Dorftrottel zujubeln.

Die 17′ des verlinkten Videos konnte ich mir nicht antun, und das obwohl ich ansonsten nicht zartbesaitet bin. Und beim drüber nachdenken, woher das kommt, kam ich drauf: Menschen tun untereinander schon genug Leid an, das man nicht zu verstehen versuchen sollt. Aber wenn sie es Tieren gegenüber tun, tun sie es schutzlos ausgelieferten Lebewesen. Sie könnten gleich Kinder quälen, und ja, das tun eben Einzelne auch. Und andere Mitmenschen finden Gefallen daran, ihnen Schwächere zu quälen, etwa auf dem Schulhof. An dieser Schnittstelle treffen sich Tierquäler und Rassisten, ihre Lust auf Leid anderer ist Gruppen bezogen. Den Unterschied macht allein ein graduell unterschiedlicher Moralindex. Und selbst der lässt sich in der Gruppe Gruppen gegenüber aushebeln, eben wie beim Faschismus oder in der Stierkampfarena: Wenn es alle toll finden, kann es doch nicht schlimm sein. Ekel erregend.

Marius, eine dänische Giraffe, getötet im Zoo Kopenhagen im Namen des Artenschutz

Wieder ein Fall aus der Reihe „Tierschutz durch Tötung“, dieses Mal das Opfer: Marius, eine dänische Giraffe, getötet im Zoo Kopenhagen im Namen des Artenschutz. Das im Zoo viele Tiere sterben, deren Zeit normalerweise nicht vorüber wäre, ist nicht ungewöhnlich. Das eine Giraffe in einem Zoo, vor Publikum und der Kadaver im Anschluss an Raubtiere verfüttert wird schon1. Mir scheint sich allerdings die Debatte eher daran zu entzünden, das die Hinrichtung öffentlich stattfand, das ein gesundes Tier getötet wurde und das seine Überreste anderen Tieren zum Fraß vorgeworfen wurde. Das ist zwar auch ziemlich erschreckend. Dennoch glaube ich das, wenn man sich auf die Tötung einzelner, gezüchteter und in Gefangenschaft lebender Tiere konzentriert, der Massentierhaltung, der alltäglichen Jagd in unseren Breitengraden und der Ausrottung ganzer Spezies Tag für Tag nicht mehr den nötigen Raum für Empörung lässt.

Das ganze Bild der Maschinerie massenhafter Tötungen scheint mir sehr verzerrt. Und das nicht allein in Bezug auf Zoos, aber auch dort: Ob jetzt, wie in »Wir kaufen einen Zoo« die mögliche Liquidierung der Tiere als worst case scenario aber halbwegs realitätsnah in Aussicht gestellt wird, oder wie in anderen Filmen, die im Zoo und im Zirkus gedreht oder spielend animiert wurden: Die dramatische Geschichte mündet im Happy Ending, die ohnehin eher zurückhaltend gegängelten oder harmlos überzeichnet gequälten Tiere führen in der Mehrzahl im Anschluss an ihre 90+/- Minuten artwidriger Haltung ein anständiges Leben. So können die Eltern mit ihren Kindern nach Hause gehen ohne das sie verstört sind. Sie bringen ihren Kindern allerdings auch bei: Den Tieren geht es gar nicht so schlecht in ihrem Schicksal. Im schlimmsten Fall erwecken die Filme ja den Eindruck, die Tiere führten ein selbstbestimmtes oder gar zufriedenes Leben. In jedem Fall werden die Tiere als Individuen dargestellt, ihre Schicksale als Einzelfälle.

Als im letzten Jahr ein Video bekannt wurde, das einen Zirkusdirektor mit seiner Elefantendame beim Baden in einem See (oder ehrlicherweise: bei Tierquälerei) zusehen konnte, ging ein Ruck durch die deutsche Medienlandschaft. So kurz vor Weihnachten durfte das Bild, das so gern vom Zirkus mit seinen großen Artisten und kleinen Zoos gezeichnet wird, nicht getrübt werden und alle Medien bewerteten in vorauseilendem Gehorsam davon was auf dem Video zu sehen sei und warum der Protagonist, der ein bekannter Einzelfall sei, nun blühe.

Oder der für Artenschutz zuständige Amtslei(t,d)er im thüringischen Umweltministerium, der zu einer Konferenz zum Artenschutz aufbrach um sich nur ein paar Kilometer weiter vor einem soeben erlegten Leichnam eines Elefanten fotografieren zu lassen. Ob der Beamte dort auf Kosten seiner staatlichen Kostenstelle aufbrach oder nicht ist nicht gesichert, der zuständige Pressesprecher verkündigte noch bei Bekanntwerden reflexartig, das er sich nicht darum kümmere was die Kollegen in ihrer Freizeit machen. Der zeitliche Zusammenhang zu besagter Konferenz legte aber den begründeten Verdacht nah, das der Elefantenschützer und -jäger die Liquidierung seiner Schutzbefohlenen auch noch auf Staatskosten finanzierte. Wenig später nämlich, der Aufruhr hatte sich nicht wie erhofft gelegt, verkündete dann nicht mehr nur irgend ein Pressesprecher sonder der Minister: Strafversetzung des Beamten. Auch wieder ein Einzelfall, der mit der Versetzung, dem höchsten Strafmaß für beamtete Nichtsnutze geheilt sei.

Aber es sind keine Einzelfälle, sie sind systemisch. Und wenn es auch für die fehlende oder Doppelmoral kein Heilmittel gibt: ein Zirkus und ein Zoo kann verboten werden, dienen sie doch der Unterhaltung oder höchstens der Bildung durch Anschauung. Viel wichtiger ist der dritte und schon angedeutete Fall von Tierquälerei, der wir uns alle entziehen, teils indem wir nichts davon wissen wollen oder auf andere Lebensmittel ausweichen, sobald Skandale eine Tierart kurze Zeit für den Verzehr unmöglich machen: Ich schreibe von der Fleischeslust. Der Konsum von Fleisch war noch nie so ausgeprägt wie zu dieser Zeit. Und je mehr fertig zubereitet auf den Tisch kommt, umso entkoppelter ist der Mensch von der Produktion. Und kein Produktionsprozess erzeugt so viel Leid wie der von Fleisch, auch wenn die Fleischlobby zur Zeit viel Geld investiert das Gegenteil zu behaupten.

Der so stattgefundenen Entkopplung der Gesellschaft von den Prozessen sollte man beikommen, indem man die Gesellschaft an die Prozesse heranführt. Das kann freiwillige und über ökologischen Landbau geschehen, aber seien wir ehrlich: 1. Deutschland und Europa steht vor einem nie dagewesenen Wirtschaftskollaps, die Menschen werden nicht mehr sondern weniger Geld zur Verfügung haben um sich zu versorgen, und Biofleisch kostet eine Menge Geld. 2. sind freiwillige Angebote so gefragt wie kostenlose, nämlich höchstens dann wenn ein Mehrwert für den Rezipienten heraus springt. Wer Verständnis für die Produktionsprozesse erzeugten will, und nicht nur zum kurzfristigen Nachdenken über Massentierhaltung anregen, wer beim Konsumenten maßvollen Umgang mit einer lebenden Resource erwarten will, der muss sich damit abfinden das er den Konsumenten dem Prozess selbst zuführen muss. Analog zu den bevorstehenden Warnungen vor Raucherkrebs und wie im Nachgang zu apothekenpflichtigen Medikamenten würde ich Werbung für tierische Produkte mit Hinweisen zum Schicksal der dahinter stehenden Wirbeltiere versehen. Und zwar realistisch. Schüler würde ich, ab einem Altern in dem ihnen das zuzumuten ist, in die fleisch verarbeitende Industrie, so wie es üblich ist einen Zoo oder Ausbildungsbetriebe zu besuchen: als Anschauungsunterricht. Man kann nicht erwarten das jemand ein realistisches Gefühl für Tiere entwickelt, die für seinen Hunger sterben müssen, wenn die einzige Berührung mit Tieren Haustiere sind die Eltern irgendwann still und heimlich im Klo entsorgen, oder destrukturiert als Scheibe eines Burger oder Teil eines „Döner nur mit Fleisch“.

  1. Sekundärquellen Spiegel Online, Daily Mail []