Dröhnende Gelassenheit im Umgang mit gezielten Tötungen

Der Tod kam von hoch droben, über den Wolken, von Drohnen: Nicht einmal hundert Stunden überflogen die unbemannten aber schwer bewaffneten Flugobjekte das Zielgebiet im jemenitischen Luftraum – freilich ohne Kriegserklärung oder Mandat, auf Menschenjagd. Unten auf dem Vulkangestein der jemenitischen Provinz Abyan an der Küste zum Golf von Aden kamen vor wenigen Tagen wieder 64 Menschen ums Leben – mutmaßliche Terroristen. Doch wer will sich schon so genau festlegen, wie viele gezielt getötete „unrechtmäßige Kämpfer“ tatsächlich das vom Joystick ausgeübte Bombardement verdient hatten, weil sie zu dieser Zeit an diesem Ort etwas geplant haben das nicht mit anderen Mitteln hätte verhindert werden können? »34 der 64 Getöteten seien als Al-Qaida-Zelle bekannt gewesen und wurden für versuchte Anschläge auf Passagierflugzeuge verantwortlich gemacht« heißt es verschiedenen Zeitungsberichten zur folge im Einsatzbericht. Den präventiv zur Rechenschaft gezogenen konnten ihre Anschläge vereiteln, zu den 30 übrigen unidentifizierten oder der Zelle nicht zuzurechnenden Opfern aber kann man angesichts einer Trefferquote 1:2 doch nichts sagen! Schreibe nicht ich, legt ausgerechnet das ach so humanitäre Rote Kreuz mit fest:

Dem sich hinter den feindlichen Linien, vielleicht im eigenen Land, abseits von Schlachtfeldern und fernab organisierter Strukturen aufhaltenden Mitmensch, der sich des Terrors auch in Teilzeit bedient oder ihm zuträglich ist, misst das internationale Komitee vom Roten Kreuz als Gralshüterin des humanitären Völkerrechts auf eigene Initiative hin und erst seit 2009 ein „Recht“ auf gezielte Tötung zu – mehr als das es Frontkämpfern in und um Stalingrad zustand: Diejenigen hatten eine Uniform, waren also keine „Zivilisten“, schossen aufeinander und ihnen war in dem

Ob den Drohnen über dem Jemen, in Pakistan, Somalia, Afghanistan ihre Kreise ziehen ist ohnehin einerlei, im Grunde hätten im Vorfeld der Anschlägen vom 9. September auch Osama Bin Ladens spätere Märtyrer auf der Hamburger Reeperbahn erschossen werden können, um den größten terroristischen Akt in der Weltgeschichte zu verhindern, ohne das ich moralische Einwände hätte. Im asynchronen Konflikt „Krieg gegen den Terrorismus“ ist die Liquidierung „unrechtmäßige Kämpfer“ ganz unabhängig davon wo sich ein Verdächtiger aufhält, was er gerade tut, jederzeit möglich, so den „Strafverfolgern“ (in Hochkommata des Präventivschlag wegen) denn entsprechende Vermerke in seiner Hand hat, das die Person sich an Anschlagsplänen beteiligt. Das humanitäre Völkerrecht des Roten Kreuz, das den Zivilisten hinter den Fronten vor dem Krieg verschonen sollte, hat in der Dekade des „Krieg gegen den Terror“ naturgemäß einer Anpassung bedurft: Wer zur Verschleierung seiner „Mission“ in zivil unterwegs ist, wer sich als „Teilzeitterrorist“ verdingt darf nicht als Zivilist durchgehen. Doch wie unterscheiden, vor allem in tausenden Kilometern Entfernung? Dieser Antwort bleibt das Rote Kreuz nicht schuldig, sondern lieferte sie 2009: Wer sich dem bewaffneten Widerstand gegen eine Armee „dauerhaft“ anschließt, gilt als „Kämpfer“; wer mit dem Ziel frei von Strafverfolgung zu töten den Kampf aufnimmt, der verlässt das Schlachtfeld nach deren Ansicht auch nicht mehr. Im Zweifelsfall also auch nicht im Bett, beim Gebet oder auf dem Topf. Das klingt fair, legitim und dient nicht zuletzt der Abschreckung.

Dem normal empfindenden Otto Normalverbraucher wird es auch nicht weiter stören. Er nimmt die Vollzugsmeldung der Exekution aus dem fernen Hindukusch kaum noch zur Kenntnis, was auch immer schwerer fällt, weil sie immer weniger Zeilen in immer ferneren Seitenzahlen einnehmen, so sie denn überhaupt noch Nachrichtenwert besitzen. Erst wenn, wie bei den Tanklastern von Kundus oder regelmäßig bei Beschuss von Trauerzeremonien und Hochzeiten geschehen, richtige Zivilisten ums Leben kommen, kommt bei uns eine Form von Betroffenheit auf, die am Ziel der Mission zweifeln lässt. Wenn schon nicht an der Legitimität einer Trefferquote von 1:2. Das sind die Zweifel, die den Einsatz in den Augen der Mehrzahl der Bevölkerung inzwischen als sinnlos bis kontraproduktiv erscheinen lässt. Den Hinterbliebenen der „Kollateralschäden“ genannten unbeteiligten Opfer, die dieser „Krieg gegen den Terror“ Einsatz für Einsatz kostet dürfte schwerer, langfristiger und nachhaltiger Wiegen als jeder gebohrte Brunnen und jede wiedereröffnete Schule es je könnte.

Die dröhnende Gelassenheit im Umgang mit gezielten Tötungen, die von der deutschen Politik ausgestrahlt wird, die die entsprechenden Schlagzeilen ja auch nur achselzuckend zur Kenntnis nimmt, macht mir persönlich Angst, weil die an den Tag gelegte Routine im Umgang mit Menschenleben ja letztendlich auch viel darüber aussagt wie wir zum Leben stehen.

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