„Menschen für Xavier Naidoo“

Gestandene Medienjournalisten arbeiten sich an „Menschen für Xaiver Naidoo“ ab; einer Ganzseitigen, in der eine ganze Reihe von Kunst- und Kulturschaffenden sich an die Seite von Xavier Naidoo stellt.

Und er stellt die Vorwürfe nochmal in den Raum, die er kontextabhängig »rechte Anklänge« nennt, und so heißt es Xavier Naidoo habe »die Existenz der Bundesrepublik negiert“, „behauptet, 9/11 sei vom CIA geplant worden“, es wird sogar behauptet, „Ritualmorde an Kindern“ wäre „eine Legende“ „zur Förderung von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“, „und diese würden nicht verübt, wenn die Mörder heterosexuell seien“. Tatsächlich ist die hier aufgereihte Faktenlage allerdings vor allem: von Interpretation abhängig.

Die meisten der in Rede stehenden Statements wirken nämlich als habe sich der Künstler darüber allenfalls wenig Gedanken gemacht, oder als habe er, salopp ausgedrückt, nicht nachgedacht.

Existenzfrage

Zwischen „die Existenz der Bundesrepublik in Frage stellen“, wie es die selbst ernannten Reichsbürger tun, und die offenkundig mangelnde Souveränität der deutschen als auch europäischen Politik kritisieren ist viel Raum.

Sei es in der Außen-, Verteidigungs- oder Wirtschaftspolitik, egal ob TTIP, NSA oder im »Krieg gegen den Terror«: Den Eindruck zu erwecken, Deutschland agiere nicht selbstständig, haben nicht „Reichsbürger“ oder Kunstschaffende in die Welt gesetzt. Sie nehmen ihn auf, verstärken ihn und unter bewusster Auslassung entscheidender Fakten.

Fakt ist: Wenn Deutschland agiert, dann nie allein, sondern als Mitglied der Europäischen Union, der NATO oder der Vereinten Nationen, aber oft scheinbar auch nach Gutdünken der USA.

Wenn man nämlich ausblendet, das die Ziele deutscher Interessen in die jeweiligen Entscheidungsprozesse bereits eingebunden sind, sie sich aber nicht wesentlich von angloamerikanischen unterscheiden, dann hilft das einerseits denjenigen, die sie tragen, nämlich der deutschen Regierung und ihren Kritikern.

Wer nämlich ausblendet, das Deutschland ein Interesse hat, der kann das nicht nur um das in Frage zu stellen, sondern auch zu verschleiern.

Oder anders ausgedrückt: Wenn man die USA für bestimmte Verhandlungsergebnisse hinsichtlich TTIP verantwortlich machen kann, kommt niemand auf den Gedanken der hiesigen Politik den Schwarzen Peter zuzuschieben, Win-Win.

Chlorhuhn durch die Hintertür

Praktisches Beispiel: Der deutschen Geflügelindustrie könnte am Chlorhuhn gelegen sein, aber bei dem Ruf den die genießt und bei den Vorbehalten Politikern gegenüber wird sich niemand finden, der seine Karriere dran gibt um öffentlich für Chlorhühner Position zu beziehen. Also erklärt man das Chlorhuhn in geheimer Verhandlung zum neuen Standard, dem sich niemand mehr entziehen kann, denn: Als Vertragsbestandteil eines Vertragswerkes, bei dem jede Klausel so unumstößlich ist wie alle Klauseln, für einen Vertrag für den es also heißt »Alles oder nichts«, wird niemand auf die Idee kommen TTIP allein des Chlorhuhn wegen abzulehnen, wenn doch zugleich auch der ein oder andere Arbeitsplatz geschaffen wird.

9/11, ein Inside Job?

Politik sollte Vorbild sein, und Politik sollte voraussichtlich handeln. Stattdessen reagiert sie nur noch, statt zu agieren. Und das Vertrauen verspielte sie, indem sie ihren Handlungsspielraum in schöner Regelmäßigkeit entweder mit Schulden oder durch Lügen ausdehnte:

Ob George W. Bush Beweise für das Bemühen von Saddam Hussein hinsichtlich Massenvernichtungswaffen konstruieren lässt, um vorgeblich »Krieg gegen den Terror« einen um die Rohstoffe in dem Land zu führen; ob Helmut Kohl, Manfred Kanther, Wolfgang Schäuble und Roland Koch „Jüdische Vermächtnisse“ erfinden um illegale Parteifinanzierung zu betreiben; ob Clinton eine sexuelle Affäre mit seiner Praktikantin bestreitet; ob man den Sozialstaat abschafft, indem eine Schwarze Null eine Schwarze Null verspricht:

Egal auf welcher Ebene, ganz gleich zu welchem Zweck, egal zu welchem Thema, die Lüge wird kultiviert, wer mit ihr ertappt wird, wird nicht mehr damit rechnen müssen ihretwegen zur Rechenschaft gezogen zu werden, sondern stattdessen wird der Zweck herangezogen, der die Mittel heiligte:

Die USA haben ihren Zugang zu Erdöl gesichert, und das gefällt den Autofahrern. Die von Kohl herbeigeführte Rekordverschuldung wird auf dem Rücken der Schwächsten zurückgefahren, indem von besser als dem Durchschnitt gestellten auf deren Gehalt nur ein gedeckelter wie auch von Kapitalerträgen ein reduzierter Steuerbetrag fällig wird, die wiederum CDU, CSU und FDP oder SPD und Grüne wählen, die das ersonnen oder erhalten haben. Und der kleine Steuersünder oder Ehebetrüger erhält wahlweise von der Parteispendenbetrügern oder Ehebrechern sein Plazet, ganz nach dem Motto: Was dem verziehen wird, wird mir auch nicht nachgetragen.

In diesem Moralvakuum aus Lügen, Halbwahrheiten und dosierten Wahrheiten gedeihen Verschwörungstheorien wie Salmonellen in stinkendem Fisch. In Verbindung mit unfassbaren Tatsachen, wie der schlichten das George W. Bush vor 9/11 vor Anschlägen mit Flugzeugen gewarnt wurde, verfangen Konstrukte noch einfacher.

Wer glaubt denn noch, das Journalisten ihrer Arbeit nachgingen, wenn auf Transparenten auf Demonstrationen die Aufklärung der Nazimorde gefordert wird, während in der Presse noch von „Dönermorden“ die Rede ist? Wer glaubt denn noch, das Politiker um anderes als ihr eigenes Wohlergehen bemüht sind, wenn 80 Millionen Bürger überwacht werden können und der Generalbundesanwalt erst eingeschaltet wird, wenn die Bundeskanzlerin selbst Ziel der Totalüberwachung wird? Eben. Das Vertrauen ist verspielt. Und wenn man den Offiziellen nicht vertrauen kann, gehen manche eben den Weg des geringsten Widerstands oder glauben an das Naheliegende: Verschwörungstheorien verbinden beides.

„Ritualmorde an Kindern“: „Legende“ „zur Förderung von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“

Man möge mich korrigieren, aber das „Ritualmorde an Kindern“ „eine Legende“ „zur Förderung von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ sind habe ich noch nie gehört.

Grundsätzlich wäre auch noch zu erwähnen, das in jenem Song ein Versatzstück aus einer Dokumentation wiedergegeben wird, und im besagtem Song ist wie im O-Ton nur als Frage zu hören, ob es sich um Ritualmorde an Kindern handelte, woraufhin das von dem Befragten und Betroffenen verneint wird.

Was nie in Rede gestellt wird: In dem selben Ausschnitt kommt etwa zur Sprache, das derjenige seine Peiniger wiedererkennt, weil es eben schlecht verkleidete Familienmitglieder sind; und genau das ist darin kulminiert die eigentliche und richtige Botschaft dieser B-Seite: Sexuelle Übergriffe passieren in der Regel im familiären Umfeld.

Xavier Naidoo hat die Verwendung des O-Ton einmal damit hergeleitet, das er von jemand angesprochen wurde, der ihn auf jene Dokumentation aufmerksam gemacht habe. Wenn man sich diese Erklärung zu Eigen macht, er sich also gegen diese äußerst brutale Form von Kindesmissbrauch wenden will, stellt sich eine wesentliche Frage: Warum dann als B-Seite? Ist jemandem, der sich noch dazu bekannt hat, selbst als Kind oder Jugendlicher Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein, nicht dazu prädestiniert offensiv in der eigenen Opferrolle aufzugehen?

Für mich klingt das aber vielmehr wie ein Hilferuf, möglicherweise sogar wie Verarbeitung aus persönlicher Betroffenheit. Das man so einen besser nicht in einen wenige Minuten langen Song packt, der fehlinterpretiert werden kann, das wird sich selbst möglicherweise jemand überlegen, dem das Thema unter den Nägeln brennt, weil er einstmals selbst Opfer wurde. Das ein Thema, das von Rechten aufgegriffen wurde, also Beleg für rechte Gesinnung gewertet werden würde, so weit scheinen die Überlegungen nicht gegangenen zu sein.

Es stellt sich aber vorher noch die Frage, wie am Anfang erwähnt: Mir ist keine derartige „Legende“ „zur Förderung von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ bekannt, und ich beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema.

Und es stellt sich ferner noch die Frage: Was macht der Umgang mit seinem aus Bekenntnis? Wird der Track weiterhin als homophob fehlinterpretiert, hat er zudem möglicherweise nicht die erhoffte Wirkung, liefert er Xavier Naidoo möglicherweise einen Beleg für seine Staatsversagen-Theorien aus erster Hand.

Ich glaube es täte allen gut, sich die fraglichen Songs und Statements noch einmal anzuhören und neu zu interpretieren. Möglicherweise kommt man ja zu neuen Überlegungen, allseits.

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