Jan Böhmermann Erdogan-Gedicht uncut

Jan Böhmermann trägt exemplarisch ein Gedicht vor, das Recip Erdogan helfen soll Satire und Schmähkritik voneinander zu unterscheiden. Nachhilfeunterricht in Meinungsfreiheit und eine Lektion in Rechtsstaatlichkeit könnten nicht schaden, muss er sich gedacht haben und ist ja auch wahr. Und außerdem war Jan Böhmermann wohl ein wenig neidisch auf die extra3 zugetragene Aufmerksamkeit, die natürlich von seiner abging. Aber man muss vor extra3 auch den Hut ziehen: Das ein Beitrag einer Satiresendung so hohe Wellen schlägt, kommt nicht alle Tage vor. Deren Mitarbeiter des Monats war dann auch: Recip Erdogan. Denn der bestellten erst den deutschen Botschafter ein, damit der dem deutschen Außenminister mitteile, was er der Kanzlerin zu verstehen geben wollte. Aber indem er so vorging und sogar indirekt auffordert die deutsche Justiz tätig zu werden, hatte Erdogan nur den Streisand-Effekt angestoßen. Im Gegensatz zum Erdogan-Gedicht wurde extra3 auch nicht zensiert, diese Erfahrung hat Jan Böhmermann in derselben Woche aber gemacht.

Denn nun zog Böhmermann in die Schlacht und entwarf eine Saite für seinen Bogen, der ernsthaft vorgetragen nicht nur ins Herz getroffen hätte, sondern wahrlich Anlass gegeben hätte über die Sendung nachzudenken. So aber war der Beitrag nur eine gelungene Antwort auf den Versuch, Satire in Deutschland neu einzunorden. Und dennoch wurde die in der ZDF Mediathek gelöscht und wenig später gekürzt wieder bereitgestellt. Das unzensierte Video der Sendung Neo Magazin Royale war noch bis zur Mittagspause des darauf folgenden Tages auch beim ZDF in deren Mediathek verfügbar, war dann aber verschwunden. Besonders witzig im Vergleich des Original mit der zensierten Fassung: Dem Erdogan-Gedicht geht ein Dialog voraus, das die nicht autorisierte Kopie vorwegnimmt. Denn natürlich ist ein einmal im Internet verfügbarer Inhalt immer im Internet verfügbar. Das vorauszuahnen muss man kein Seher sein, nicht einmal ein Fernseher.

Das über einschlägige Suchmaschinen problemlos zu findende uncut Video der Sendung von Neo Magazin Royale dies aber in einem Dialog vorausschickt dürfte für ganze Generationen von Medienwissenschaftlern ein neues und unterhaltsames Kapitel in Sachen staatlicher, supranationaler Zensur sein, das lange Zeit keinen Nachahmer finden dürfte. Chuzpe hat er ja, der Böhmermann.

Die Ware Wort

Medienkritik führt zu Medienkritik führt zu Medienkritik. Das weiß Jan Böhmermann und spielt damit in seiner Sendung, die inzwischen vom Spartenkanal in das Hauptprogramm gewechselt ist. Das die Massenmedien das nicht begreifen hat man bei realvirtuality.info aufgegriffen, was ich dem einleitenden Satz gemäß standesgemäß kommentiert habe (hier die korrigierte Fassung, Tippfehlers wegen):

Böhmermann macht sich über viele lustig. Da die meisten keinen Humor haben, nehmen sie ihm das übel. Und das ist gerade bei Journalisten schlecht: Sie hätten ja theoretisch als Neutrum aufzutreten, selbst in der Introspektive. Stattdessen wird etwa in Punkto Leistungsschutzrecht berichtet als wäre es die Ultima Ratio für das Internet, es wird genüsslich über Einsparungen bei Konkurrenz her gezogen, und Kritiker und Konkurrenten wie Böhmermann und Blogs werden diskreditiert, um sich selbst über Wert zu heben.

Was viele aber vergessen: Die Ware Wort hat der Journalismus selbst abgewertet, indem er es kostenlos anbot. Anstatt auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was es für deren Wert bedeutet das Nachrichten kostenlos abrufbar sind, hat man sich ins Internet verlegt und und sie dann geschmeidig den jeweiligen Trends (Klickstrecken, Multimedia, …) angepasst, um dabei über die (immerhin 20!) Jahre zugesehen wie die eigenen Auflagen wegbrechen.

Zeitungen agierten wie Zombies, deren Wirt sich selbstbestimmt seinem Schicksal hingegeben hat, getreu der Hoffnung das man als solcher zwar nicht mehr besonders intelligent und schnell agieren kann, aber immerhin noch auf den Beinen steht. Manches Verlagshaus hat sich dabei noch ein drittes Standbein zugelegt und verkauft neben Apps auch Zugangsgeräte wie Tablets. Letztlich werden sie damit nur noch mehr Mittelsmänner für das was neben den Apps an Alternativen im Internet zur Verfügung steht.

Jan Böhmermann macht sich lustig, das ist wahr. Dabei ist das keine Respektlosigkeit, sondern ein gut gemeinter Weckruf. Dummerweise können viele Adressaten das nicht unterscheiden, und höchstwahrscheinlich hat er das einkalkuliert: Denen ist dann eh nicht mehr zu helfen.