„Was macht eigentlich Martin Schulz?“ fragt Die Zeit auf vorgeblich uninformiertem Niveau

Für Die Zeit inzwischen“Routine“: Eine uninformierte Polemik auf die Routine einer Bundestagswahl im Vorfeld von Landtagswahlen – zumal im Vorfeld der wichtigsten Landtagswahl der Republik, im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. „Was macht eigentlich Martin Schulz?“ fragen, und im Teaser die aktuell schwachen (sic!) Umfragewerte der SPD gegenüber der CDU im Bund („CDU liegt in Umfragen vor der SPD“) erwähnen, den „Schulz-Hype“ als abklingend bezeichnen und die Mehrheit in Nordrhein-Westfalen anzweifeln kann man machen. Dann macht man aber nicht Nachrichten über Politik, sondern Politik.

Warum Die Zeit das macht? Vermutlich weil Herausgeber Helmut Schmidt ja nun zwei Jahre tot und Peer Steinbrück nicht mehr Kanzlerkandidat ist. Für Die Zeit scheint für Martin Schulz die Zeit gekommen, sich endlich zu positionieren. Aber wer etwas über politische Strategie weiß, und sei es nur aus der beiläufigen Lektüre von Boulevardblättchen wie Die Welt, der weiß: Man interveniert bei einer Landtagswahl nicht mit Bundesthemen, überlagert so die Landtagswahl und reduziert so deren Gewicht. Kann man machen, aber macht man nur wenn man etwas zu verlieren hat.

Die SPD und ihre Ministerpräsidentin Kraft machen das derzeit nicht. Sie führt in Nordrhein-Westfalen einen leidenschaftlichen Wahlkampf, um Nordrhein-Westfalen, nicht um Berlin. Die CDU und ihr farb- und namenloser Spitzenkandidat nicht. Das der Laschet heißt, weiß nur wer im politischen Farbspektrum düstere Farben bevorzugt.

Seit die CDU hier wie überall mit Angst Wahlkampf macht, indem sie dunkelbraune Horrorszenarien an die Wand malt, die so natürlich Erika Steinbach gefallen, und auch gern vor von Brandanschlägen heimgesuchten Flüchtlingsunterkünften aufgestellt werden, ist die CDU in NRW mit der SPD gleichgezogen.

Das dies die übliche Schablone ist, um gegen die SPD Wahlkampf zu machen, und zwar seit den 1950er Jahren bis heute (in Hessen beispielsweise sogar mit rassistischen Untertönen 2008 mit »Ypsilanti, Al Wazir und die Kommunisten«), das interessiert Die Zeit nicht. Es geht ihr allein darum, den mangelnden Einsatz des populären (durch Hype bestätigt das Die Zeit ja selbst) Martin Schulz im laufenden Wahlkampf aufzuzeigen; einer der ja eben nur von der ebenso populären Hannelore Kraft ablenken würde, aber das diskutiert das Blättchen nicht, deren seit Jahren des Aufschwung seit Jahren stagnierende (weil es nicht genug gut saturierte) Auflage endlich angefacht werden muss.

Wie sehr die Beziehung zwischen den neuen Herausgebern der Zeit und der SPD nach dem Dahin- und somit Ausscheiden von Helmut Schmidt aus deren Reihen geht, zeigt sich daran, wie persönlich bereits im ersten Absatz auf die Genossen eingedroschen wird, die wahlweise als »trahlenden Klatschpappen-Jusos« oder «beseelten Alt-Sozis, die sich an früher erinnerten, an Willy oder Helmut oder wen der auch immer« dargestellt werden. Da hat sich ein Blättchen wie Die Zeit aber schnell entkernt.

Asynchrone Demobilisierung

Im Weiteren ergeht sich der Artikel in Spekulationen darüber, was diejenigen eben diskreditierten wohl gerade machen, etwa das die »aufgeregten Neumitglieder in die Satzungen der Ortsvereine eingetaucht seien«, was wohl so viel heißen soll wie als kleines Rädchen im Getriebe der Parteipolitik angekommen, oder anders: Die Zeit probiert sich in dem, was Merkel als asynchrone Demobilisierung erfand, und nichts anderes bedeutet, als als Partei nicht mit eigenen Inhalten überzeugen, sondern die Mitglieder, Sympathisanten und potentiellen Wähler anderer Parteien von deren Inhalten – oder in dem Fall von deren Spitzenpersonal – zu entfernen.

Merkel ist wie Kohl: für die Fakten bevorzugen personifizierter Reformstau, für die Parteigänger der Union bald 16 Jahre Kanzler

Die Ermüdung kurz vor Ende von Helmut Kohls Kanzlerschaft ist noch nicht eingetreten, glaubt die Hauptstadtpresse. Dabei hat Angela Merkel, »Kohls Mädchen«, noch viel geringere Verdienste erworben als ihr geistiger Vater, den sie den Ehrenvorsitz ruhen lässt, weil er ihrer CDU in der Schwarzgeldaffäre so sehr geschadet habe, aber die gleichzeitig einen anderen Protagonisten des größten Parteispendenskandal in der Geschichte der Bundesrepublik zum Finanzminister beförderte. Das ist das schlimmstmögliche Peter Prinzip, denn Schäuble hat nicht nur keine Ahnung, sondern ist Merkels größter Gegner und Verbündeter zugleich, sondern ist auch und das seit fast zwanzig Jahren der einzige rote Faden in der Union. Alle anderen von der Union irgendwann mal als Bundesminister im die Kabinette eingestiegenen Minister sind früher oder gegangen worden (vulgo: haben das Vertrauen der Kanzlerin ausgesprochen bekommen, als die noch dazu in der Lage war). Aber seit Jahren ist das vorbei. Der größte Tänzer auf der Nase der Kanzlerin ist Horst Seehofer, dessen Verdienst es dereinst sein wird, die 16 Jahre verhindert zu haben. Und dessen wichtigster Schachzug wiederum war mal, Karl-Theodor zu Guttenberg nach Berlin zu hieven, der im Artikel von Die Zeit sodann Erwähnung findet, allerdings als Blaupause ausgerechnet für Martin Schulz. Das muss man sacken lassen.

Der (t)adelige Freiherr (kein Dr.) Karl-Theodor von und zu Guttenberg als Vorlage für den Buchhändler aus Würselen

Der von der CSU gegen Angela Merkel von München nach Berlin weg beförderte Adelige Freiherr von und zu Guttenberg, der sich seine gesamte Hochschulkarriere bis hinauf zum Doktortitel erschwindelt hat, und der selbst als einer der ersten von der Plagiatsaffäre niedergewalzt wurde und trotzdem an seinem Bundesministergehalt festhielt, sei, so Die Zeit, die Antwort auf eine »Unzufriedenheit mit den Rationalitäten politischer Routine«, was bildungsbürgerlich für Politikverdrossen steht. Das
der »über den Dingen geschwebt« habe, wohingegen Martin Schulz ja nicht nur aus bescheidenen Verhältnissen stammt und in diesen Zuhause ist, ficht Die Zeit nicht an. Der Vergleich hinkt, aber nicht genug um an der Qualitätskontrolle des Wochenblättchens zu scheitern. Das »rasante des Aufstieg Karl-Theodor zu Guttenbergs« einer von heute auf morgen war, das den adeligen Bayern bis zur Ernennung als Bundesminister niemand kannte und er seine Popularität bis heute nur deshalb nicht eingebüßt hat, weil das sein einziges Kapital1 ist, der also verteidigt werden will, interessiert Die Zeit nicht. Man schreibt seine Popularität der »Sehnsucht nach dem Außeralltäglichen« und also einer irrationalen Emotion zu, insofern ist die Argumentation schon schlüssig, zu einem Schluss kommt Robert Pausch in Die Zeit hingegen nicht. Vom einem Exkurs zu Karl-Theodor von und zu Guttenberg gerät er zum nächsten, noch absurderen, nämlich dem zur so genannten Alternative für Deutschland.

„Alternative für Deutschland verspricht die Revolution“

Unter Politik als Metapolitik geht es mit Robert Pausch endgültig durch, indem er der Anhängern der Alternative für Deutschland denselben Wunsch nach Revolution nachsagt, den schon die Linken gehabt haben. Fast entlarvend wirkt da der Verweis auf das Establishment (seine Wortwahl: Etablierten) und deren »notorischen Hinweise» darauf, das die keine Lösungen anzubieten hätten. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man das Fazit ziehen, das hier jemand Wahlkampfhilfe für die nunmehr noch rechtere Alternative für Politk in Deutschland machen würde.

Den ganzen Rest des Artikels kann man sich dann auch getrost sparen, denn eines ist sicher. Abgewogen ist der Artikel von Robert Pausch ganz sicher, ausgewogen sicher nicht.

Worüber schreibt Robert Pausch in Die Zeit?

Anhand seines Profil auf Zeit online wird nur schnell klar: Hier schreibt einer der sehr wohl eine politische Agenda hat, und die ist nicht aus rotem Faden, sondern ideologisch geprägt. Seit 2015 hat er Artikel auf Die Zeit veröffentlicht, die politischen Extremismus in Europas Parteienlandschaft behandeln, er rückt die Alternative in die Mitte und schreibt über linke Politik als sei die aus dem politischen Spektrum bereits verschwunden. Dabei sind es der Sache nicht dienliche Zuschreibungen und Vergleiche wie seine, die zeigen das Martin Schulz als Kanzlerkandidat eine echte Alternative darstellt. Denn er mag derzeit nicht so präsent und gut da stehen, wie es wir Sozialdemokraten seit Januar bis September gern hätten. Dafür steht er und die SPD dann noch, und das seit über 150 Jahren. Wohin Angela Merkel und die Union bis dahin und danach driften, wird hingegen allein eben die Alternative für Deutschland entscheiden. Deren Mobilisierungspotential hängt ganz klar davon ab, wie neokonservativ sich die Union bis dahin positioniert, wie viel noch bei deren einzigem Thema „Euro(pa) kontra Vaterland“ passiert und wie deren Botnetz und Populismus funktioniert, wenn es darauf ankommt. Robert Pausch und Die Zeit, die funktionieren in der Hinsicht schon mal gut.

Seit an Seit mit Springer-Presse und FAZ

Man spürt, das Holtzbrinck auf Kontroverse zu Gunsten der Absatzzahlen hofft, und man liest nicht mehr nur zwischen den Zeilen, das dies Blättchen den selben Druckerpressen entspringt wie dBil und FAZ. Ob man, wenn die Zeit endgültig auf deren Niveau angekommen ist, die Anzeigenpreise halten können wird, wird sich noch zeigen.

  1. im Wortsinn, Stichwort verarmter Adel []