Die Wahrheit von Xavier Naidoo

In den ersten Worten von Die Wahrheit setzt sich Xavier Naidoo von jedwedem rechten Gedankengut allein durch Bekenntnis seiner Herkunft ab. Und bekennt das er »Kanacke in Deutschland« eines allem voran gelernt habe: Ordnung sei der Deutschen höchstes Gut.

Der Rest des Videos ist eine Metapher: weiße Buchstaben auf schwarzem Grund. Im Volksmund ist »Schwarz auf Weiß« Inbegriff verschriftlichter Wahrheit. Den Songtext von Die Wahrheit hat Xavier Naidoo aber möglicherweise ganz bewusst weiß auf schwarzem Grund setzen lassen. Doch seht selbst.

Es ist eine musikalisch vorgetragene Kritik unter anderem an Georg Diez, der Xavier Naidoo wegen seines Auftritts auf einer Montagsdemo über Spiegel Online in die Ecke der Neuen Rechten stellen wollte.

An einem Freitag hatte der Mannheimer Freigeist Xavier Naidoo von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht und von der Bühne herunter die These vertreten, Deutschland sei ein besetztes Land.

Und so ganz Unrecht hat er damit nicht: Das amerikanische Administration, Geheimdienste und Streitkräfte hierzulande von ihrem Status, den sie auf hiesigem Grund genießen, sattsam Gebrauch machen wissen wir dank der Enthüllungen von Edward Snowden, ist keine Neuigkeit: Aus Botschaften und Konsulaten und von Truppenstandorten werden deutsche Grundrechte gebrochen. Das ist nicht seine oder rechte These, sondern war Titelgeschichte des Spiegel1. Hierfür ernten die USA nicht einmal substanziellen Widerspruch von der Kanzlerin oder dem Bundespräsidenten, die er dafür im neuen Song angreift.

Der einzige Artikel, der sich allerdings mit einer Interpretation des rechtlichen Status der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzt, orientiert sich daran das Deutschland »kein besetztes Land (sei) obwohl über dem Zwei-plus-Vier-Vertrag nicht in Buntstift „Friedensvertrag“ drüber steht« (Q: VICE), und ergeht sich sogleich in persönlichen Angriffen.

So weit, sich inhaltlich mit dem Thema auseinander setzen, gehen die beiden folgenden Kritiken nicht. Obwohl sie sich teils sogar sowas wie anstrengen. Die, die nun zum zweiten Hieb gegen den Musiker ansetzen, haben die Liebe zur Wahrheit offenbar ebenso wenig wie Georg Diez. Sie schreiben stattdessen offensichtlich mit Schaum vor dem Munde gleich mehrere Schmähschriften in unterschiedlichen Publikationen. Man gewinnt den Eindruck, die Kritik an dem Stück »Die Wahrheit/« im Speziellen und Xavier Naidoo im Allgemeinen geschieht wohl orchestriert, dieses Mal nicht vom Spiegel, sondern es sekundieren bezahlte Schreiber von Angela Merkels Busenfreundin Friede Springer.

  • »Im Song (…) ärgert sich (Naidoo), zu jung zu sein, um sich selbst noch „Reichsbürger“ nennen zu dürfen.« (O-Ton: Musikexpress2) wird da wahrheitswidrig behauptet, indem man anstatt dem Text zu folgen aus dem Zusammenhang gerissen zitiert. Vielmehr macht sich Xavier Naidoo in Die Wahrheit über die These von Georg Diez lustig, weil er viel zu jung sei um „Reichsbürger“ zu sein.
  • Im deutschen Rolling Stone, der nicht mit dem gleichnamigen amerikanischen Musikmagazin verwechselt werden sollte, wird der Song als Zusammenstellung aus »Gemeinplatz« und »Stilblüten«, kurzum zum »Schmarrn« deklassiert. Das reine Onlinemagazin bezeichnet Xavier Naidoo als zum »Populist« und »eine Art Gotteskrieger« geratenen »Schmusebarden«3

Nun sollte man wissen: Musikexpress und (deutscher) Rolling Stone sind nicht nur Produkte des Axel Springer Verlag, beide Redaktionen sitzen im selben Mediahouse in Berlin und teilen sich sogar die Telefondurchwahl. Es ist erstaunlich bis bemerkenswert, das der selbe Verlag zwei seiner Musikmagazin Texte veröffentlichen lässt, die in erster Linie auf persönlicher Ebene auf politischen Thesen los gehen. Noch dazu wenn das damit einher geht das sich leicht zu beeindruckende Leser, die sich nicht für Politik interessieren, von den vermeintlich kruden Thesen abgestoßen fühlen; entweder weil sie sich überhaupt nicht für Politik interessieren oder eben des vernichtenden Vorurteils einer Musikredaktion wegen. Man könnte auch sagen, das Fabien Soethof vom Musikexpress, „RS“ alias Rolling Stone und allen voran Georg Diez vom Spiegel darum bemüht sind dem Sänger langfristig seine wirtschaftliche Grundlage zu entziehen, indem sie seinen Erfolg schmälern, indem sie seine so genannte Fanbase reduzieren. Und auch das wäre selbst disqualifizierend, denn ungeachtet der geringen Auflage des Musikexpress und des Rolling Stone abgesehen schart Spiegel Online gerade einmal halb so viel „Fans“ um sich wie der Solokünstler Xavier Naidoo. Es könnte auch ein Schwanzvergleich sein, der hier vollzogen wird. Das noch niedrigere Nivau, nämlich das persönlicher Angriffe, deuten aber auf anderes hin.

Es ist der selbe ehrverletzende Duktus, den Georg Diez vor Wochen im Spiegel an den Tag gelegt hatte. Und es ist nicht nur jener Stil, der die Vermutung nah legt, das die jüngsten Personalwechsel vom Axel Springer Verlag hin an die Spitze des Spiegel mehr sind als Personalfluktuation zweier Medienmarken. Es wirkt als soll der altehrwürdige Spiegel, eines der ersten lizenzierten journalistischen Veröffentlichungen im Nachkriegsdeutschland zum Spiegelbild der schlichtesten publizistischen Veröffentlichung der Nachkriegsgeschichte werden.

Es muss was dran sein, an der den ach so kruden Thesen. Wenn die Kanzlerin ihre verkrustete Busenfreundin dazu animiert, ihre Organe gegen einen zum Klingen zu bringen, dessen Job es in erster Linie ist seine Stimme dazu zu bringen muss was dran sein.

  1. Nr. 25 vom 16.06. diesen Jahres []
  2. Musikexpress, gehört zu welt.de/Axel Springer Verlag []
  3. rollinstone.de, gehört ebenfalls zu welt.de/Axel Springer Verlag []

The post-„The Washington Post“-era

Washington Post sold Headline

Aus gegebenem Anlass verweist man auf historische Ausgaben, beispielsweise zu der Zwei Wort Headline „Nixon Resigns“, Nixon tritt zurück. „Obama Resigns“ werden wir niemals auf dem Cover der Washington Post lesen. Nicht weil es nicht angemessen wäre, da die Enthüllungen von Snowden und all das weitere Versagen der Administration Obama ein Vielfaches schlimmer sind als weswegen Nixon damals zurücktrat. Und nicht weil der neue Eigner sich nicht über solche sich im Abverkauf niederschlagende Schlagzeilen freuen würde. Und schon gar nicht weil die Medien in den USA von der selben Administration gleichgeschaltet würden. Nein, weil sich die dortige wie die hiesige landesweite Presse weitgehend überflüssig gemacht hat: Gerade weil Obama trotz der wirtschaftlichen Liquidierung von Detroit, trotz Tot bringender Drohnenkriege auf dem ganzen Erdball, unter Zwang ernährter Insassen im längst geschlossen gelaubten rechtsstaatlichen Niemandsland Guantanamo, 1984 weit übertreffendem PRISM, etc., etc., etc. noch so fest im Sattel sitzt wie Lucky Luke am Ende eines jeden Films. Obama liest noch ein zwei dirty talk SMS von Merkel an ihren Göttergatten und reitet locker zurückgelehnt in den Sonnenuntergang. Von der hat er ebenso wenig zu fürchten wie vor der Washington Post der letzten zehn-15 Jahre. Wenn der neue Eigner es richtig anstellen würde, könnte The post-„The Washington Post“-era den Neustart der Branche bedeuten. Allein mir fehlt der Glaube das ein Blatt, das von Whistleblowern profitiert und sie trotzdem in Grund und Boden schreibt, von einem Besitzer dessen Technologieunternehmen WikiLeaks kurzerhand abzuschalten versuchte wieder als Korrektiv der Administration der USA in eine neue Ära des investigativen Journalismus geführt wird. Vielmehr steht zu befürchten das dies wie der Ausverkauf des hiesigen Blätterwaldes nur dessen Ende einläutet.

Qualitätsjournalismus trifft scripted reality

Mit der Sondersendung Lügenfernsehen aus dem Format Panorama rechnet das Öffentlich-Rechtliche in Vertretung des NDR mit dem Privatfernsehen ab. Und obwohl jeder halbwegs intelligente Konsument populärwissenschaftliche Sendungen ebenso wenig für Wissenschaft wie „scripted reality“ für Realität hält, fallen doch Millionen Zuschauer darauf herein. Manche wollen von der Realität verschont werden, man denke an den Reflex auf die Veröffentlichung von Botschaftsdepeschen der USA mit weniger voyeuristischen, eher erschreckenden Details: „Das wollen wir nicht lesen, das ist für unsere heile Welt zu viel.“ So dachten nicht gerade wenige. Abtauchen in eine schöne wenn auch künstliche Welt geschieht heute per Knopfdruck, durch Zappen zum Privatfernsehen. Es begann mit Talkshows über Gerichtsshows und mündete in Realityshows mit allen möglichen bizarren Themen. »Dafür gibt es den Deutschen Fernsehpreis.« Und ja, »Scripted Reality findet bisher nur im Privatfernsehen statt. Bisher.« und wer Öffentlich-Rechtlich einschaltet, wird davon in der Regel verschont. Nur wie lange noch. Die Einflußnahme von CDU/CSU auf das ZDF war ja nur Nebenkriegsschauplatz fortlaufender Versuche das Öffentlich-Rechtlich als Gegenpol zum Quasimonopol der Sozialdemokratie im Printbereich zu etablieren. So lang aus der konservativen Politik heraus versucht wird per Grundgesetz garantierte Qualität zu unterhölen, so lang privater Rundfunk und auch Printmedien nicht den selben Anspruch durch Regelungen unterliegen wie weitgehend „freie“ Presse, kann man sich einer weitestgehend ausgewogenen Berichterstattung sicher sein. Wenn allerdings der Damm bricht, und der ZDF zum CDF umgebaut wird, öffentlich-rechtliche Intendanten der Länder durch politisch beeinflußbare Marionetten werden und BILT & Co. jeden Müll behaupten können ohne Konsequenzen führen zu müssen, steht es um den kümmerlichen Rest Demokratie in diesem Land wahrlich schlecht.

WikiLeaks und der „Qualitätsjournalismus“

In deutschsprachigen Raum hat Der Spiegel bei der Veröffentlichung der Botschafts-Depeschen kläglich versagt, befand sich doch schon lang vor der vereinbarten weltweit synchronen Veröffentlichung wesentliches aus dem Spiegel bei Twitter. Allerdings befand sich der Verlag dabei in guter Gesellschaft anderer internationaler Medienpartner, die ihre Datenbestände veräußerten oder es mit geschlossenen Vereinbarungen und/oder den überragenden Interessen der Öffentlichkeit nicht so genau nahmen. Umso erfreulicher ist es das sich WikiLeaks inzwischen neuer Medienpartner erfreuen kann, unter „Our Partners“ führt das Whistleblowser-Tool nunmehr folgende Medienallianz für die Veröffentlichungen der Stratfor E-Mails auf:

Eine gute Entscheidung, mit dem NDR zu veröffentlichen.