Task Force 373: Lizenz zum Töten

Man hört selten, das Despoten, Diktatoren oder demokratische Regierungschefs in Kampfhandlungen verwickelt oder dabei gar getötet werden. Das liegt bekanntlich daran, das sie Stellvertreter in den Krieg schicken, Zivilisten nämlich, manche in Uniform, manche auf das Töten optimiert, wie Task Force 373. Je nachdem wie viele der Zivilisten in Uniform nicht mehr lebend vom Schlachtfeld zurückkehren, reduziert sich die Zahl der an der Heimatfront verbliebenen Kriegsbefürworter – schwerer wiegt wie viele Unbeteiligte zu Opfern der Kriegsmaschinerie wurden. Wenn das in die hiesige Presse gelänge, oder über die Fernseher huscht, was Task Force 373 da in Afghanistan treibt und hier als „Polizeieinsatz“ verkauft wird, dann wird es an der Heimatfront nachdenklich-melancholisch. Das man hier in der Ferne so lapidar darüber urteilen, was auf dem ehemaligen Schachfeld der Supermächte, dem Schlachtfeld gegen den Terrorismus und dem nunmehr stattfindenden Schlachtfest gegen die Zivilisten übrig bleibt, geschieht aus dem selben Grund, aus dem wir überhaupt wieder Soldaten in Kampfeinsätze entsenden: Wir haben vergessen das Krieg die Hölle ist. Und Deutschland verdient auch viel zu gut an Kampfhandlungen, als das wir uns in dieser Situation Frieden leisten könnten. Doch zurück zur Situation in Nahost, zum Schlachtfest der von der deutschen Basis operierenden Task Force 373 mit der Lizenz zum Töten.

Afghanistan

»Erst Barack Obama konnte ihm mit seiner Wahl zum US-Präsidenten den Rang als in der arabischen Welt populärste lebende Person ablaufen.« Die Rede ist von Osama bin Laden, dem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September. Vor knapp zehn Jahren suchte man den über Nacht vom Verbündeten zur Unperson degradierten schwerst kranken, auf regelmäßige stationäre medizinische Hilfe angewiesenen Mann in der Höhlenwelt von Bora Bora, die mit ihrem karibisch klingenden Namens in der staubigen Bergregion im Osten von Afghanistan liegt. Dorthin soll sich der Anführer der Taliban, Meistgesuchter, Terrorist und Geschäftsmann abgesetzt haben, bevor auf seinen Befehl hin Terroristen Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Center und in das Pentagon flogen. Von dort aus dürfte der Mann im besten Alter in seiner Jugend gegen „den Russen“ eingeheizt haben, wieder mit feinster Hardware aus dem Arsenal internationaler Waffenschmieden. Damals wurden Gelder und Geschütze verteilt, mit denen die neuen Machthaber, die radikalislamischen Taliban ihre zehn Jahre währende Herrschaft stützten konnten. Und all das keineswegs im Widerspruch zu Doktrin der USA: Bis in die Tage vor den Anschlägen waren die Taliban gern gesehene Diplomaten, Vertreter des afghanischen Volkes, Staatsgäste des selben amerikanischen Präsidenten, in dessen Telefon auch die Nummer von Saddam Hussein gespeichert war. Nach dem 11. September sollte sich das freilich wieder ändern, die Taliban wurden exekutiert oder interniert, je nachdem ob sie von den amerikanischen Streitkräften oder den Verbündeten aufgetan wurden, Gegenwehr leisteten, und in welcher Tagesform der Kommandant war. Im schlechtesten Fall mussten niedere Ränge Tage lang auf ihre Exekution warten, bevor die Nordallianz mit Maschinengewehren die Freiheit von den und den Sieg über die Taliban manifestierten – durch unkontrolliertes Feuer auf Container mit darin ohne Wasser, Essen oder Atemluft eingeschlossenen „unrechtmäßigen Kämpfern“, Szenen. Die Folge der Befreiung? »2006 betrug der Handel mit Opium 46 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.« »Die Anbaufläche für Schlafmohn stieg seit der Beseitigung des Taliban-Regimes kontinuierlich [von nahezu nichtwahrnehmbar zu Anfang des Jahrzehnts] im Jahr 2006 erneut um 59 Prozent auf rund 193.000 Hektar« (Quelle: Wikipedia: Afghanistan: Drogenproduktion) Mittendrin zwischen den Einsätzen der Task Force 373 sitzen Drogenbosse, die mit ihren Exporten in die internationale Weltgemeinschaft den Krieg von morgen vorfinanzieren und bereits ihre Krieger der nächsten Generation abhängig machen.

Frieden, Demokratie, Marktwirtschaft: Köder allesamt für einen Fisch der Gattung öffentliche Meinung, selbst schwer verdaulich, aber hübsch anzusehen, in einem Tümpel unterschiedlichster Interessen – Drogenanbau und Pipelines im Norden, politischer Einflussnahme durch den Nachbar Pakistan im Osten, unschätzbare Ölvorkommen unter einem politisch instabilen Irak im Südwesten, und in absehbarer Zeit der Krisenherd Iran im Westen – eben eingeleitete Sanktionen und ein Embargo haben auch dem Irak und seinem Volk seine Existenzgrundlage geraubt. Dieser Region Frieden zu bringen, hier Demokratie und Marktwirtschaft zu etablieren war das Ziel, Brunnen zu bauen und Mädchen Burka-freien Zugang zu Schulen zu ermöglichen wurde versprochen. Den letzten Brunnen, den deutsche Soldaten ermöglicht haben, liegt etwa 70 gefallenen deutsche Soldaten zurück, inzwischen können die Mädchen froh sein in der Burka auf die Straße gehen zu können, während „unsere Jungs“, die „unsere Demokratie am Hindukush verteidigen“, tun das nur noch in den engen Grenzen ihrer Standorte – von denen höchstens noch die Task Force 373 zum alltäglichen Gemetzel unter der Zivilbevölkerung ausrückt. Deutschland hingegen hat sich bewiesen, wir haben als militärischer Partner der Weltgemeinschaft versagt, und das ist noch die gute Nachricht. Schattenkrieger ohne Kontrolle durch das Parlament braucht das aufgeklärte Nachkriegsdeutschland so dringend wie Pest und Cholera oder das neue Eiserne Kreuz.

Schachfeld, Schlachtfeld, Schlachtfest

In den beiden Jahrzehnten vor Ende des kalten Krieges war der Gegner noch so monolithisch wie massig. Jeder kriegerische Akt hätte Millionen Tote gefordert. Damals waren Irak und Afghanistan noch Felder auf einem Schachfeld zwischen „Gut“ und „Böse“, die Mehrzahl der im Krieg getöteten hat daran wenn schon nicht aus freien Stücken dann doch in Uniform teilgenommen. Millionen toter Zivilisten, auf diese Zahl kommt man aber auch schon, wenn man die zivilen Opfer der beiden Irakkriege, des Embargo gegen den Irak zählt, dem „Polizeieinsatz“ in Afghanistan. Doch von dem Schlachtfeld hat sich die internationale Gemeinschaft längst verabschiedet, inzwischen sind nur noch die USA mit vollem Elan auf der Jagd, und seit dem Wochenende kann man auch etwas genauer abschätzen, wie diese Menschenjagd konkret aussieht. Zu den zivilen Opfern können jetzt auch die aus den etwa 100.000 Einsatzberichte gezählt werden, die Wikileaks jüngst veröffentlichte. Darin wird akribisch beschrieben, wie Task Force 373 Jagd auf Taliban macht, dabei Zivillisten immer wieder als Kollateralschaden abschreibt. Der Raketenangriff mit knapp 50 getöteten Zivilisten vom vergangenen Freitag dürfte noch nicht Teil des veröffentlichten Materials gewesen sein. Vermutlich standen die Kinder auch wieder nur einem Zugriff auf einen der zehntausend gesuchten, „hochkarätigen“ Talibanführer im Weg. Das während dessen Drogenbosse den Schutz der internationalen Gemeinschaft genießen, und wiederum den Krieg der nächsten Generation vorfinanzieren, darum schert man sich wenig.

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